I
I
I

I










 

 

Kolja Steinrötter

Mail: im@zweifelsfall.de

Adresse:
Hittorfstr. 40
48149 Münster





Logo: Carsten Weitzmann (Danke!)


Interview mit mir, erschienen bei Trekzone (incoming message #69 (geschrieben von Jörn Podehl):

 

"Die Menschheit wird die Kurve wohl nicht mehr kriegen"

Im Gespräch mit dem deutschen Trek-Buchautor Kolja Steinrötter
 

Ende Januar ist das "Star Trek"-Sachbuch "Science and a Sense of Hope − Zum Verhältnis von Wissenschaft und Religion in der Fernsehserie 'Star Trek: Deep Space Nine'" erschienen. Für einmal stammt eine Trek-Neuerscheinung dieser Art nicht aus der Feder eines amerikanischen Autors, sondern aus deutschen Autorenkreisen: Kolja Steinrötter, der als freier Schriftsteller in Münster lebt, versucht mit seiner Arbeit zu belegen, ob "Deep Space Nine" ein Produkt der Massenkultur ist, welches tatsächlich in der Lage ist, eine neue Weltansicht zu erzeugen, oder ob die Serie durch Konfrontationen mit Menschen, Aliens und kosmologischen Fragen das Bewusstsein der Menschheit für zukünftige Probleme schärfen kann. Für die Erläuterung dieser Grundgedanken klärt Steinrötter, wie der allgemeine Zustand von Wissenschaft und Religion, Bildung und Glaube sowie der Werte der Menschen heute aussieht.
 

TZN: Die offizielle Inhaltsangabe zu Ihrem Buch ist ziemlich vielschichtig − können Sie in eigenen Worten kurz erklären, worum es Ihnen gesamthaft geht und was Sie mit dem Buch erreichen möchten?

Kolja Steinrötter: Ich denke, dass es großer Veränderungen im Bewusstsein der Menschen bedarf, wenn dieser Planet noch ein paar Jährchen überleben soll. In der Tradition von Capra und vor allem auch Carl Sagan meine ich, dass es einen radikalen Wechsel in unserer Wahrnehmung der Dinge geben muss. Es wird viel gemeckert über die Herrschenden und ihre Aktionen, ob es jetzt die hiesige Regierung ist oder Mr. Bushs Herangehensweise an die "New World Order" − das Problem ist, dass der Großteil der Menschen diese Willkür entweder nicht erkennt oder ihr nichts entgegenzusetzen hat.


 

 

 

"Ich bin der Meinung, dass in 'Star Trek' eine Menschheit dargestellt wird, deren Bewusstsein genau diesen Prozess, den ich heute für nötig halte, hinter sich hat."

 

Nach dem weitgehenden Zusammenbruch der großen westlichen Religionen fehlt den Menschen eine ihrem Leben tieferen Sinn gebende Erzählung − also etwas, für das es sich lohnt zu kämpfen, in die Zukunft zu schauen und zu leben. Das führt viele zu esoterischem Unsinn, Sekten oder einfach in den Stumpfsinn. Das Mittel dagegen ist Wissen. Damit meine ich eine Art phantastische Wissenschaft − die Welt ist voller Wunder und unglaublich spannender Phänomene, dafür sollte man die Kinder und die Menschen begeistern. Darin liegt für mich das Potenzial des Menschen, im Lernen, Erforschen, und darin, sich selbst zu verbessern. Und in dem Punkt sind wir bei "Star Trek".

Ich bin der Meinung, dass in "Star Trek" eine Menschheit dargestellt wird, deren Bewusstsein genau diesen Prozess, den ich heute für nötig halte, hinter sich hat. "Deep Space Nine" ist da als geschlossene Erzählung besonders interessant. Die Entwicklung Siskos von "Emissary" bis "What you leave behind...", aber auch die der anderen Charaktere ist vor allem aufgrund des Widerstreits zwischen Religion/Spiritualität und der Wissenschaft interessant. Sisko vereinigt ja am Ende beides nahezu symbolisch in seiner Person. Die Auflösung wäre so etwas wie "Spiritualität ohne Zweifel und Wissenschaft ohne sinngebende, hoffnungsvolle Erzählung funktioniert auf Dauer nicht".

TZN: Werden mit dem Buch speziell auch Nicht-Trek-Fans angesprochen, die mit der Philosophie von "Star Trek" noch nicht vertraut sind?

Steinrötter: Schwierig. Ich denke, dass das Buch sehr wohl für Nicht-Trek-Fans interessant ist und auch zu verstehen − allerdings habe ich es ganz bewusst auch als "Star Trek"-Fan geschrieben. Ich hätte zu den einzelnen Episoden und zu DS9 sicher noch mehr schreiben können, aber so habe ich mich auf einige ausgewählte Folgen beschränkt und an ihnen bestimmte Dinge zu illustrieren versucht. Die Reaktion der Menschen, die "Star Trek" auch so schätzen wie ich, ist mir jedoch besonders wichtig. Ich habe mich schon häufiger über schriftliche Auseinandersetzungen mit dem "Star Trek"-Phänomen geärgert, weil die Autoren offensichtlich nicht genug Ahnung von der Materie hatten. Ich hoffe, dass sich über mein Buch zumindest in dieser Richtung niemand ärgert, aber wie gesagt ... ich bin sehr gespannt auf eventuelles Feedback.

 


 

 

 

"Als ich Professor Krysmanski, bei dem ich die Arbeit letztlich geschrieben habe, zum ersten Mal sah, hatte er eine Mappe mit Spock-Aufkleber in der Hand..."

 

TZN: Wie ist der Gedanke zu dieser Magisterarbeit entstanden und wie war die Umsetzung? War sie problematisch, oder kamen Ihnen die Menschen mit dem Thema "Star Trek" entgegen? Was haben andere Leute von Ihrem Werk gehalten? Oft wird man ja mit dem Thema Science-Fiction nicht sehr ernst genommen.

Steinrötter: Ich habe da Glück gehabt. Als ich Professor Krysmanski, bei dem ich die Arbeit letztlich geschrieben habe, zum ersten Mal sah, hatte er eine Mappe mit Spock-Aufkleber in der Hand... Mit ihm und Dr. Julia Kölsch zusammen haben wir dann 1998 an der Universität Münster ein Seminar gehalten mit dem Titel "Massenkultur: 'Deep Space Nine'", in dem wir versuchen wollten, die Studenten zur mehr oder weniger wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Serie zu bewegen.

Das war jedoch etwas schwierig... Auf meiner
Website sind die Arbeiten aus diesem Seminar einzusehen (Anm.: nicht mehr!). Immerhin haben rund 200 Studenten das Seminar besucht, aus allen Fachbereichen. Einige interessante Essays sind schon dabei herausgekommen, aber am Ende war es für die meisten vor allem schwer, die eigene Begeisterung für "Star Trek" mit in den Hörsaal zu nehmen − es herrschte wohl viel Angst davor, "unwissenschaftlich" zu wirken.

Dass ich meine Arbeit über "Deep Space Nine" schreiben würde, war damals eigentlich schon klar, allerdings hat mein Studium dann noch ein bisschen länger gedauert... Das Buch ist übrigens sicherlich nicht besonders "wissenschaftlich", falls jemand Sorge haben sollte, es würde zu viel Insider-Talk betrieben. Den beherrsche ich, fürchte ich, gar nicht...

 


 

 

 

"Dieses Buch ist schon irgendwie etwas anderes − ich bin einfach sehr gespannt, wie sich alles entwickelt, wie es ankommt und ob es überhaupt jemand liest."

 

TZN: Wie sind Sie zu "Star Trek" gekommen beziehungsweise was war Ihr erstes Erlebnis mit dieser Serie?

Steinrötter: Das hört sich vielleicht seltsam an − ich habe als Kind immer davon geträumt, allein durch den Weltraum zu fliegen und irgendwelche Dinge zu entdecken. In einem kleinen, feinen Raumschiff. Später, so mit 20, ist mir dann aufgefallen, dass ich bei "Star Trek" einfach mitfliegen konnte, und so hat es angefangen. Erst waren es die Kinofilme, dann "The Next Generation" und "Voyager" und lustigerweise dann erst DS9.

TZN: Wie fühlt man sich, wenn aus einer Magisterarbeit plötzlich ein Buch geworden ist? Das ist doch sehr aufregend, oder sehen Sie es gelassen?

Steinrötter: Nun, ich schreibe schon lange und versuche auch sicher schon seit zehn Jahren, irgendwelche Dinge zu verlegen − dass mein erstes Buch ausgerechnet meine Magisterarbeit sein würde, hätte ich nicht unbedingt gedacht. Dieses Buch ist schon irgendwie etwas anderes − ich bin einfach sehr gespannt, wie sich alles entwickelt, wie es ankommt und ob es überhaupt jemand liest. Bis jetzt bin ich noch relativ gelassen...

TZN: Sind noch weitere Gedankengänge für eine Veröffentlichung geplant? Welche Themen bearbeiten Sie als freier Autor außerdem noch?

Steinrötter: Ich schreibe eigentlich Fabeln und Märchen für kluge Kinder − ob es weiteres in der Art dieses Buches gibt, hängt sicher auch davon ab, was in den nächsten Monaten so passiert. In Arbeit ist ein etwas absurdes Tierlexikon, welches ich geschrieben habe und das eine Freundin von mir fotografisch illustriert hat. Da muss ich mal sehen, ob ich das verlegt kriege. Es ist ein hartes Brot...

TZN: Ist DS9 Ihrer Meinung nach die Trek- oder Fernsehserie überhaupt mit dem größten ideologischen Hintergrund, oder weshalb fiel Ihre Wahl bei der Suche nach einer Vergleichsmöglichkeit gerade auf die dritte Trek-Serie?

Steinrötter: Der "ideologische" Hintergrund, wenn man das so sagen möchte, ist für mich "Star Trek". Alle Serien entspringen dieser Idee. Vielleicht gefällt dem einen diese Erzählung besser, dem anderen jene − die Basis, "Star Trek", bleibt dieselbe. "Deep Space Nine" ist für mich aber nicht nur wegen des religiösen Aspekts das "Arbeitsobjekt" geworden, sondern einfach auch deshalb, weil es meine Lieblingsserie ist und ich mich am intensivsten damit beschäftigt habe. Dazu kommt entscheidend, wie ich schon erwähnt habe, dass DS9 eine große Erzählung bildet, die hinter den vielen Einzelfolgen spielt und die der Serie eine bestimmte Tiefe gibt, was den anderen "Star Trek"-Serien vielleicht fehlt (das meine ich nicht abwertend, im Zweifelsfall haben die anderen Serien diese Art der Erzählweise auch nicht nötig − "The Next Generation", "Voyager" und "Enterprise" erzählen insgesamt anders als DS9).

TZN: Was halten Sie von dem jetzigen Kurs, den "Star Trek" mit "Enterprise" und "Nemesis" eingeschlagen hat?

Steinrötter: Zu "Enterprise" kann ich mir noch keine rechte Meinung bilden. Ich habe zwar alle Folgen bis "Carpenter Street" gesehen, aber ein Bild kann ich mir noch nicht machen. Ein wenig stört mich diese "Terrorgeschichte" um die Xindi, das scheint mir etwas zu sehr der amerikanischen Gegenwart entlehnt zu sein. Mal sehen, ob sich dieser Eindruck verstärkt, oder ob sich da noch was ändert. Zu Beginn stellte sich mir bei "Enterprise" aber wieder dieser schöne "The Next Generation"-Entdeckergeist ein − das war sehr angenehm.

"Nemesis" hat mir gar nicht gefallen. Ich fand nicht, dass dieser Film "The Next Generation" als Serie irgendwie gerecht wurde. Aber es war für die TOS-Crew sicher auch einfacher, die Serie, aus der sie kamen, zu toppen. Bei "The Next Generation" fiel das einfach schwerer, die Erwartungen waren und sind einfach höher, auch bei mir. DS9 im Kino wäre wohl problematisch geworden, obwohl ich finde, dass die "Star Trek"-Filme etwas weniger Rücksicht auf die Nicht-Trek-Zuschauer nehmen könnten. Das würde der Erzählung sicher gut tun. Bei DS9 wäre hingegen eine achte Season eigentlich nur logisch gewesen.

TZN: Lesen Sie "Star Trek"-Romane, und wenn ja, wer ist Ihr Lieblingsautor beziehungsweise welches ist Ihr Lieblingsbuch? Sind Sie darüber hinaus in bestimmten "Star Trek"-Vereinen oder bei Trek-Dinners tätig?

Steinrötter: Ich lese sehr gerne "Star Trek"-Romane − und natürlich gerade die achte Season von DS9... Ich bin aber erst bei "Twilight" angekommen. Mein Lieblingsbuch ist die "Deep Space Nine: Millenium"-Trilogie von Judith und Garfield Reeves-Stevens − die fand ich ganz großartig. Andere Highlights waren für mich "Station Rage" von Diane L. Carey und natürlich "Fallen Heroes" von Dafydd ab Hugh. Die "Invasion"-Serie hat mir auch sehr gut gefallen − sehr unheimlich...

 


 

 

 

"Machen wir so weiter wie bisher, würde ich in hundert Jahren hier nicht mehr leben wollen."

 

In "Star Trek"-Vereinen oder bei Trek-Dinners bin ich nicht tätig. Da fehlen aber auch ein wenig die Angebote, hier in der Gegend, glaub ich. Das Netz ist da eher meine Austauschbasis.

TZN: Noch eine abschließende Frage: Wo sehen Sie die Menschheit in hundert Jahren?

Steinrötter: Eine große Frage, lässig ausgesprochen... Sagen wirs mal so: Es spricht nicht sehr viel dafür, dass die Menschheit noch die Kurve kriegt. Obwohl ich es ihr gönnen würde. Machen wir so weiter wie bisher, würde ich in hundert Jahren hier nicht mehr leben wollen. Bevor wir den Planeten und seine Fauna wie auch Flora weiter zerstören, würde ich noch eher dafür plädieren, den Menschen als gescheitertes Experiment abzuschaffen und wenigstens dem Rest der Erde nicht weiter auf die Nerven zu gehen. Hoffnung indes habe ich noch, mal mehr, mal weniger.

Zum Abschluss vielleicht noch das Zitat von Carl Sagan, was meinem Buch den Titel gegeben hat − ich finde, das passt schön hierher: "An extraterrestrial being, newly arrived on Earth − scrutinizing what we mainly present to our children in television, radio, movies, newspapers, magazines, the comics and many books − might easily conclude that we are intent on teaching them murder, rape, cruelty, superstition credulity and consumerism. We keep at it, and through constant repetition many of them finally get it. What kind of society could we create if, instead, we drummed into them science and a sense of hope?"

TZN: Vielen Dank, Herr Steinrötter, für das Interview. Wir wünschen Ihnen mit Ihrem Buch viel Erfolg und weiterhin alles Gute für die Zukunft.


Die Fragen stellte Jörn Podehl
(Erschienen auf: www.Trekzone.de )