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"Die Menschheit wird die Kurve wohl nicht mehr
kriegen"
Im Gespräch mit dem deutschen Trek-Buchautor
Kolja Steinrötter
Ende Januar ist das
"Star Trek"-Sachbuch "Science and a Sense of
Hope − Zum Verhältnis von Wissenschaft und
Religion in der Fernsehserie 'Star Trek: Deep
Space Nine'" erschienen.
Für einmal stammt eine Trek-Neuerscheinung
dieser Art nicht aus der Feder eines
amerikanischen Autors, sondern aus deutschen
Autorenkreisen: Kolja Steinrötter, der als
freier Schriftsteller in Münster lebt, versucht
mit seiner Arbeit zu belegen, ob "Deep Space
Nine" ein Produkt der Massenkultur ist, welches
tatsächlich in der Lage ist, eine neue
Weltansicht zu erzeugen, oder ob die Serie durch
Konfrontationen mit Menschen, Aliens und
kosmologischen Fragen das Bewusstsein der
Menschheit für zukünftige Probleme schärfen
kann. Für die Erläuterung dieser Grundgedanken
klärt Steinrötter, wie der allgemeine Zustand
von Wissenschaft und Religion, Bildung und
Glaube sowie der Werte der Menschen heute
aussieht.
TZN: Die
offizielle Inhaltsangabe zu Ihrem Buch ist
ziemlich vielschichtig − können Sie in eigenen
Worten kurz erklären, worum es Ihnen gesamthaft
geht und was Sie mit dem Buch erreichen möchten?
Kolja Steinrötter: Ich denke, dass es
großer Veränderungen im Bewusstsein der Menschen
bedarf, wenn dieser Planet noch ein paar
Jährchen überleben soll. In der Tradition von
Capra und vor allem auch Carl Sagan meine ich,
dass es einen radikalen Wechsel in unserer
Wahrnehmung der Dinge geben muss. Es wird viel
gemeckert über die Herrschenden und ihre
Aktionen, ob es jetzt die hiesige Regierung ist
oder Mr. Bushs Herangehensweise an die "New
World Order" − das Problem ist, dass der
Großteil der Menschen diese Willkür entweder
nicht erkennt oder ihr nichts entgegenzusetzen
hat.
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"Ich
bin der Meinung, dass in 'Star Trek'
eine Menschheit dargestellt wird, deren
Bewusstsein genau diesen Prozess, den
ich heute für nötig halte, hinter sich
hat." |
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Nach dem
weitgehenden Zusammenbruch der großen westlichen
Religionen fehlt den Menschen eine ihrem Leben
tieferen Sinn gebende Erzählung − also etwas,
für das es sich lohnt zu kämpfen, in die Zukunft
zu schauen und zu leben. Das führt viele zu
esoterischem Unsinn, Sekten oder einfach in den
Stumpfsinn. Das Mittel dagegen ist Wissen. Damit
meine ich eine Art phantastische Wissenschaft −
die Welt ist voller Wunder und unglaublich
spannender Phänomene, dafür sollte man die
Kinder und die Menschen begeistern. Darin liegt
für mich das Potenzial des Menschen, im Lernen,
Erforschen, und darin, sich selbst zu
verbessern. Und in dem Punkt sind wir bei "Star
Trek".
Ich bin der Meinung, dass in "Star Trek" eine
Menschheit dargestellt wird, deren Bewusstsein
genau diesen Prozess, den ich heute für nötig
halte, hinter sich hat. "Deep Space Nine" ist da
als geschlossene Erzählung besonders
interessant. Die Entwicklung Siskos von
"Emissary" bis "What you leave behind...", aber
auch die der anderen Charaktere ist vor allem
aufgrund des Widerstreits zwischen
Religion/Spiritualität und der Wissenschaft
interessant. Sisko vereinigt ja am Ende beides
nahezu symbolisch in seiner Person. Die
Auflösung wäre so etwas wie "Spiritualität ohne
Zweifel und Wissenschaft ohne sinngebende,
hoffnungsvolle Erzählung funktioniert auf Dauer
nicht".
TZN: Werden mit dem Buch speziell auch
Nicht-Trek-Fans angesprochen, die mit der
Philosophie von "Star Trek" noch nicht vertraut
sind?
Steinrötter: Schwierig. Ich denke, dass
das Buch sehr wohl für Nicht-Trek-Fans
interessant ist und auch zu verstehen −
allerdings habe ich es ganz bewusst auch als
"Star Trek"-Fan geschrieben. Ich hätte zu den
einzelnen Episoden und zu DS9 sicher noch mehr
schreiben können, aber so habe ich mich auf
einige ausgewählte Folgen beschränkt und an
ihnen bestimmte Dinge zu illustrieren versucht.
Die Reaktion der Menschen, die "Star Trek" auch
so schätzen wie ich, ist mir jedoch besonders
wichtig. Ich habe mich schon häufiger über
schriftliche Auseinandersetzungen mit dem "Star
Trek"-Phänomen geärgert, weil die Autoren
offensichtlich nicht genug Ahnung von der
Materie hatten. Ich hoffe, dass sich über mein
Buch zumindest in dieser Richtung niemand
ärgert, aber wie gesagt ... ich bin sehr
gespannt auf eventuelles Feedback.
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"Als ich Professor Krysmanski, bei
dem ich die Arbeit letztlich geschrieben
habe, zum ersten Mal sah, hatte er eine
Mappe mit Spock-Aufkleber in der
Hand..." |
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TZN: Wie
ist der Gedanke zu dieser Magisterarbeit
entstanden und wie war die Umsetzung? War sie
problematisch, oder kamen Ihnen die Menschen mit
dem Thema "Star Trek" entgegen? Was haben andere
Leute von Ihrem Werk gehalten? Oft wird man ja
mit dem Thema Science-Fiction nicht sehr ernst
genommen.
Steinrötter: Ich habe da Glück gehabt.
Als ich Professor Krysmanski, bei dem ich die
Arbeit letztlich geschrieben habe, zum ersten
Mal sah, hatte er eine Mappe mit Spock-Aufkleber
in der Hand... Mit ihm und Dr. Julia Kölsch
zusammen haben wir dann 1998 an der Universität
Münster ein Seminar gehalten mit dem Titel
"Massenkultur: 'Deep Space Nine'", in dem wir
versuchen wollten, die Studenten zur mehr oder
weniger wissenschaftlichen Auseinandersetzung
mit der Serie zu bewegen.
Das war jedoch etwas schwierig... Auf meiner
Website
sind die Arbeiten aus diesem Seminar einzusehen
(Anm.: nicht mehr!). Immerhin haben rund 200
Studenten das Seminar besucht, aus allen
Fachbereichen. Einige interessante Essays sind
schon dabei herausgekommen, aber am Ende war es
für die meisten vor allem schwer, die eigene
Begeisterung für "Star Trek" mit in den Hörsaal
zu nehmen − es herrschte wohl viel Angst davor,
"unwissenschaftlich" zu wirken.
Dass ich meine Arbeit über "Deep Space Nine"
schreiben würde, war damals eigentlich schon
klar, allerdings hat mein Studium dann noch ein
bisschen länger gedauert... Das Buch ist
übrigens sicherlich nicht besonders
"wissenschaftlich", falls jemand Sorge haben
sollte, es würde zu viel Insider-Talk betrieben.
Den beherrsche ich, fürchte ich, gar nicht...
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"Dieses Buch ist schon irgendwie
etwas anderes − ich bin einfach sehr
gespannt, wie sich alles entwickelt, wie
es ankommt und ob es überhaupt jemand
liest." |
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TZN: Wie
sind Sie zu "Star Trek" gekommen beziehungsweise
was war Ihr erstes Erlebnis mit dieser Serie?
Steinrötter: Das hört sich vielleicht
seltsam an − ich habe als Kind immer davon
geträumt, allein durch den Weltraum zu fliegen
und irgendwelche Dinge zu entdecken. In einem
kleinen, feinen Raumschiff. Später, so mit 20,
ist mir dann aufgefallen, dass ich bei "Star
Trek" einfach mitfliegen konnte, und so hat es
angefangen. Erst waren es die Kinofilme, dann
"The Next Generation" und "Voyager" und
lustigerweise dann erst DS9.
TZN: Wie fühlt man sich, wenn aus einer
Magisterarbeit plötzlich ein Buch geworden ist?
Das ist doch sehr aufregend, oder sehen Sie es
gelassen?
Steinrötter: Nun, ich schreibe schon
lange und versuche auch sicher schon seit zehn
Jahren, irgendwelche Dinge zu verlegen − dass
mein erstes Buch ausgerechnet meine
Magisterarbeit sein würde, hätte ich nicht
unbedingt gedacht. Dieses Buch ist schon
irgendwie etwas anderes − ich bin einfach sehr
gespannt, wie sich alles entwickelt, wie es
ankommt und ob es überhaupt jemand liest. Bis
jetzt bin ich noch relativ gelassen...
TZN: Sind noch weitere Gedankengänge für
eine Veröffentlichung geplant? Welche Themen
bearbeiten Sie als freier Autor außerdem noch?
Steinrötter: Ich schreibe eigentlich
Fabeln und Märchen für kluge Kinder − ob es
weiteres in der Art dieses Buches gibt, hängt
sicher auch davon ab, was in den nächsten
Monaten so passiert. In Arbeit ist ein etwas
absurdes Tierlexikon, welches ich geschrieben
habe und das eine Freundin von mir fotografisch
illustriert hat. Da muss ich mal sehen, ob ich
das verlegt kriege. Es ist ein hartes Brot...
TZN: Ist DS9 Ihrer Meinung nach die Trek-
oder Fernsehserie überhaupt mit dem größten
ideologischen Hintergrund, oder weshalb fiel
Ihre Wahl bei der Suche nach einer
Vergleichsmöglichkeit gerade auf die dritte
Trek-Serie?
Steinrötter: Der "ideologische"
Hintergrund, wenn man das so sagen möchte, ist
für mich "Star Trek". Alle Serien entspringen
dieser Idee. Vielleicht gefällt dem einen diese
Erzählung besser, dem anderen jene − die Basis,
"Star Trek", bleibt dieselbe. "Deep Space Nine"
ist für mich aber nicht nur wegen des religiösen
Aspekts das "Arbeitsobjekt" geworden, sondern
einfach auch deshalb, weil es meine
Lieblingsserie ist und ich mich am intensivsten
damit beschäftigt habe. Dazu kommt entscheidend,
wie ich schon erwähnt habe, dass DS9 eine große
Erzählung bildet, die hinter den vielen
Einzelfolgen spielt und die der Serie eine
bestimmte Tiefe gibt, was den anderen "Star
Trek"-Serien vielleicht fehlt (das meine ich
nicht abwertend, im Zweifelsfall haben die
anderen Serien diese Art der Erzählweise auch
nicht nötig − "The Next Generation", "Voyager"
und "Enterprise" erzählen insgesamt anders als
DS9).
TZN: Was halten Sie von dem jetzigen
Kurs, den "Star Trek" mit "Enterprise" und
"Nemesis" eingeschlagen hat?
Steinrötter: Zu "Enterprise" kann ich mir
noch keine rechte Meinung bilden. Ich habe zwar
alle Folgen bis "Carpenter Street" gesehen, aber
ein Bild kann ich mir noch nicht machen. Ein
wenig stört mich diese "Terrorgeschichte" um die
Xindi, das scheint mir etwas zu sehr der
amerikanischen Gegenwart entlehnt zu sein. Mal
sehen, ob sich dieser Eindruck verstärkt, oder
ob sich da noch was ändert. Zu Beginn stellte
sich mir bei "Enterprise" aber wieder dieser
schöne "The Next Generation"-Entdeckergeist ein
− das war sehr angenehm.
"Nemesis" hat mir gar nicht gefallen. Ich fand
nicht, dass dieser Film "The Next Generation"
als Serie irgendwie gerecht wurde. Aber es war
für die TOS-Crew sicher auch einfacher, die
Serie, aus der sie kamen, zu toppen. Bei "The
Next Generation" fiel das einfach schwerer, die
Erwartungen waren und sind einfach höher, auch
bei mir. DS9 im Kino wäre wohl problematisch
geworden, obwohl ich finde, dass die "Star
Trek"-Filme etwas weniger Rücksicht auf die
Nicht-Trek-Zuschauer nehmen könnten. Das würde
der Erzählung sicher gut tun. Bei DS9 wäre
hingegen eine achte Season eigentlich nur
logisch gewesen.
TZN: Lesen Sie "Star Trek"-Romane, und
wenn ja, wer ist Ihr Lieblingsautor
beziehungsweise welches ist Ihr Lieblingsbuch?
Sind Sie darüber hinaus in bestimmten "Star
Trek"-Vereinen oder bei Trek-Dinners tätig?
Steinrötter: Ich lese sehr gerne "Star
Trek"-Romane − und natürlich gerade die achte
Season von DS9... Ich bin aber erst bei
"Twilight" angekommen. Mein Lieblingsbuch ist
die "Deep Space Nine: Millenium"-Trilogie von
Judith und Garfield Reeves-Stevens − die fand
ich ganz großartig. Andere Highlights waren für
mich "Station Rage" von Diane L. Carey und
natürlich "Fallen Heroes" von Dafydd ab Hugh.
Die "Invasion"-Serie hat mir auch sehr gut
gefallen − sehr unheimlich...
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"Machen wir so weiter wie bisher, würde
ich in hundert Jahren hier nicht mehr
leben wollen."
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In "Star
Trek"-Vereinen oder bei Trek-Dinners bin ich
nicht tätig. Da fehlen aber auch ein wenig die
Angebote, hier in der Gegend, glaub ich. Das
Netz ist da eher meine Austauschbasis.
TZN: Noch eine abschließende Frage: Wo
sehen Sie die Menschheit in hundert Jahren?
Steinrötter: Eine große Frage, lässig
ausgesprochen... Sagen wirs mal so: Es spricht
nicht sehr viel dafür, dass die Menschheit noch
die Kurve kriegt. Obwohl ich es ihr gönnen
würde. Machen wir so weiter wie bisher, würde
ich in hundert Jahren hier nicht mehr leben
wollen. Bevor wir den Planeten und seine Fauna
wie auch Flora weiter zerstören, würde ich noch
eher dafür plädieren, den Menschen als
gescheitertes Experiment abzuschaffen und
wenigstens dem Rest der Erde nicht weiter auf
die Nerven zu gehen. Hoffnung indes habe ich
noch, mal mehr, mal weniger.
Zum Abschluss vielleicht noch
das Zitat von Carl Sagan, was meinem Buch den
Titel gegeben hat − ich finde, das passt schön
hierher: "An extraterrestrial being, newly
arrived on Earth − scrutinizing what we mainly
present to our children in television, radio,
movies, newspapers, magazines, the comics and
many books − might easily conclude that we are
intent on teaching them murder, rape, cruelty,
superstition credulity and consumerism. We keep
at it, and through constant repetition many of
them finally get it. What kind of society could
we create if, instead, we drummed into them
science and a sense of hope?"
TZN: Vielen Dank, Herr
Steinrötter, für das Interview. Wir wünschen
Ihnen mit Ihrem Buch viel Erfolg und weiterhin
alles Gute für die Zukunft.
Die Fragen stellte Jörn Podehl
(Erschienen auf:
www.Trekzone.de
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